Beton, 6. Szene (Parabel der Affen)

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Das Affengleichnis fande ich immer stark. Selbstverständlich existiert es bereits in verschiedentlicher Form und kursiert auch im Netz. Aber seine Stärke hat es noch nicht verloren.

(Wieder in der Schenke. Klaus, sitzt. Der Ober steht neben ihm. An einem Nebentisch sitzt der Zoowärter, am Zeitung lesen. Die Putzequipe ist am Basteln.)

Klaus: Schon so spät… schon so spät. Noch ein Bier!

Ober: Hier, aber dann ist schluss.

Klaus: Ich bleibe solang ich will.

Ober: Nein, tust du nicht. Du säufst dich tot und dann schmeiss ich dich raus, dich vermisst schon keiner.

Klaus: Komm doch und bohr mir deine stumpfe Feder ins Herz, du Kulturkacker!

Ober: Nun aber ehrlich, Klaus, jetzt bist du schon den siebten Abend nacheinander und trinkst unseren Freunden das Bier weg. Dabei weißt du noch nicht einmal unsere Namen.

Klaus: Die interessieren mich auch nicht. Ihr interessiert mich nicht. Ihr seid eine Schande. Eure Namen nur Umschreibungen für einen Zirkus, grau und langweilig,

der, auf Beton gebaut,

den Beton zu hauen sich nicht traut;

dem der Beton grau und heilig,

und des Betons Ärger in sich staut.

Ober: Klaus, du bist ein künstlerisches Sprachrohr, aber du bist wahnsinnig: du fürchtest den Boden unter dir, den Boden auf dem du gehst, du glaubst du kannst fliegen – doch auch ein Vogel landet immer wieder.

Klaus: Hälst du Beton für natürlich?

Ober: Natürlich oder künstlich, spielt das eine Rolle? Beton ist Beton ist Beton bleibt Beton.

Klaus: Beton frisst Karton und Karton klebt am Beton;

ich hasse den Beton der mich bereitete,

den Beton der Beton verbreitete,

Betonmenschn

mit Betonhandschuhn

die Kartonmenschn

in Beton reintun.

Und nennt man dies dann noch Kultur

dann sagen alle: es ist Beton. Ja – Beton nur.

Ober: Ich sage ja, du bist wahnsinnig.

Klaus: Du Arschloch! Du Betonkind! Du wagst mich als geistigen Barbar abzustempeln, und nimmst für dich alle Kunst und Weisheit heraus?

Ober: Du bist paranoid, du fürchtest was sich nicht wehren kann. Dein Kulturbegriff ist eines Kindes Mass entsprungen. (ab)

Klaus: (zu sich) Oh welch grausame Vernunft spricht aus deinem Munde!

(Zoowärter kommt an Klaus Tisch)

Zoowärter: Aufdringlich, diese Ober. Anstatt einfach nur zu dienen fallen sie aus ihrer Rolle und erzählen von sich dass einem das Grausen kommt.

Klaus: Sie sagen es.

Zoowärter: Ich habe ihr Gespräch von da drüben mitverfolg. Darf ich mich vielleicht kurz zu ihnen setzen?

Klaus: (stumme Geste)

Zoowärter: Wissen Sie, ich glaube dass der Mensch eigentlich in Ruhe gelassen werden will. Wissen Sie, er will es beschaulich haben und sich nicht ärgern. Leider wird er in seiner Rohe so oft wieder gestört, dass er sich die Ruhe suchen muss.

Klaus: Stimmt.

Zoowärter: Wissen Sie, ich bin kein Philosoph, ich bin nur Zoowärter und schaue auf die Affen. Die Menschen kommen zu mir und schauen sich die Affen an, und sie erhalten im Zoo die Ruhe die sie benötigen. So ein Zoobesuch hat doch was Belustigendes, finden Sie nicht auch? Und vor allem die Affen.

Klaus: Ja, die Affen.

Zoowärter: Da muss ich Ihnen etwas erzählen, da werden Sie lachen müssen. Ich habe die Aufsicht über einen Käfig in dem fünf Affen leben. Ich habe einmal aus Langweile in die Mitte des Raumes eine Banane an die Decke gehängt und darunter einen Stuhl, und habe mich mit einem Wasserschlauch neben den Käfig gestellt und gewartet. Prompt kommt doch gleich der erste Affe und will an die Banane. Und ich – zisch – spritze die anderen Affen mit eisigkaltem Wasser ab. Ein Riesengekreische. Der Affe auf dem Stuhl stutzt, und fragt sich was los ist. Ich höre wieder mit dem Spritzen auf, und nach einiger Zeit will der Affe auf dem Stuhl wieder an die Banane, ich spritze die anderen Affen wieder ab. So tat ich bis die Affen kapierten dass wenn einer von ihnen an die Banane will, die anderen abgespitzt werden, und schlussendlich wollte keiner mehr an die Banane.

Klaus: Sie werden sich gegenseitig mit Zerren und wütendem Gekreische gegenseitig daran gehindert haben.

Zoowärter: Und wie! Aber das Experiment ging noch weiter: Ich nahm einen der fünf Affen und ersetzte ihn durch einen aus einem anderen Käfig.

Klaus: Sofort stürzt sich der neue Affe auf die Banane.

Zoowärter: und die anderen hindern ihn dran weil sie nicht abgespritzt werden wollten. Sie verstehen es.

Klaus: Und kurzerhand war auch dem neuen Affen bewusst dass er nicht an die Banane dran durfte.

Zoowärter: Ja, und wissen Sie was ich als nächstes tat?

Klaus: Was denn?

Zoowärter: Ich nahm einen zweiten Affen aus der ursprünglichen fünfer Gruppe und ersetzte auch ihn.

Klaus: Auch dieser Affe probierte die Banane runter zu rupfen.

Zoowärter: Und die anderen aus der ursprünglichen Gruppe hinderten ihn ebenfalls dran. Doch jetzt wird’s interessant: der Affe der als erstes neu in den Käfig hinzu gekommen war, machte schon nach kurzer Zeit auch bei den Hinderungsaktionen mit, obwohl er nicht wusste dass die Strafe darauf ein kalter Guss Wasser war, sondern nur weil die anderen Affen es taten.

Klaus: Nachdem auch dem zweiten Affen klar war, dass er nicht an die Banane durfte haben Sie den nächsten Affen aus der ursprünglichen Gruppe durch einen neuen ersetzt.

Zoowärter: Exakt! Nach ein paar Wechseln war die ganze Affenbande im Raum mit der Banane durch eine neue ausgewechselt.

Klaus: Wie teuflisch.

Zoowärter: Alle Affen sassen um den Stuhl, und Keiner traute sich die Banane runter zu holen, und keiner von den Affen hatte jemals einen Strahl Wasser abbekommen! Sie sassen da und kein einziger von ihnen probierte die Banane in seine Finger zu kriegen. Phänomenal, sag ich Ihnen! So etwas von Lernfähig!

Klaus: Wie schrecklich bekannt mir dies vorkommt, als hätten Sie mein Leben beschrieben, sie Teufel, sie Sadist!

Zoowärter: Na na, sie sind aber ein empfindliches Gemüt, ich wollte ihnen doch nur etwas amüsantes erzählen.

Klaus: Amüsant, AMÜSANT finden sie das? Du grauenvoller Betonmensch mit Betonherz und Betonhirn, du so völlig grau gleichgültiger Klumpen betongeborener…betongeborener…Ausgeburt des Betons!

Klaus geht davon, vor der Türe bleibt er stehen.

Klaus:

BETON

Beton ist unser Weg

Beton ist unser Ziel

Alles ist nur Beton

in unseren Städten aus Beton.

Beton essen wir, Beton begehen wir.

Beton ists was wir trinken,

Beton ist wo wir versinken.

Beton heissen unsere Kinder

und unsre Beamten

Beton heissen unsere Alten

und Alle die Beton verkannten.

Und nur Beton ist unser Herz –

nur Beton ist all unser Schmerz.

Beton, dich bluten wir

auf dir verblutend.

BETON, der uns verlacht

DU hast den Menschen umgebracht.

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