Beton, 5. Szene

by

Jetzt wird in guter Manier gesungen, oder sprech-gesungen. Haltungen werden ausgetauscht, etcetera. Mahagony ist der Name der Stadt bei Brecht, in der alles erlaubt ist, ausser: Kein Geld zu haben. Darauf steht die Todesstrafe. Als wir es damals inszenierten, haben wir das „Mahagonylied“, das die Arbeiter beim Weggang singen, mit dem Deutschlandlied kombiniert. Klingt ziemlich nach Selbstbedienung im Supermarkt, oder?

DAS LIED VOM LEBEN DURCH DIE ARBEIT

Die Stimme:

DER MENSCH MUSS ESSEN, SO DIE BIOLOGIE.

DIE FABRIKEN MÜSSEN LAUFEN

DER MENSCH MUSS KAUFEN

DER MENSCH MUSS FRESSEN, SO DIE ÖKONOMIE!

Der Chor der Arbeitenden:

Und wenn der Mensch nicht isst,

noch kauft noch arbeitet

ist das, weil er vergisst,

dass er nur ein Menschlein ist

und die Fabrik das Leben bereitet.

Die Stimme:

DER MENSCH MUSS ESSEN, SO DIE BIOLOGIE.

DIE FABRIKEN MÜSSEN LAUFEN

DER MENSCH MUSS KAUFEN

DER MENSCH MUSS FRESSEN, SO DIE ÖKONOMIE!

Der Chor der Arbeitenden:

Höheren zu dienen, dazu ist er erschaffen

und den Höheren, das bedeutet den Maschinen

die ihn mit Argusaugen am Arbeitsplatz angaffen

denn nur den Maschinen sollen die Menschen dienen

und nicht sich selber, denn der Mensch ist schlecht.

Die Stimme:

DER MENSCH MUSS ESSEN, SO DIE BIOLOGIE.

DIE FABRIKEN MÜSSEN LAUFEN

DER MENSCH MUSS KAUFEN

DER MENSCH MUSS FRESSEN, SO DIE ÖKONOMIE!

Der Chor der Arbeitenden:

Nur die ohne Gefühle durch die Hallen schreiten

und den Geist der Nützlichkeit verbreiten

erhalten aus den Zitzen der Volksindustrie

die uneingeschränkte Garantie

zur permanenten Anästhesie!

Die Stimme:

DER MENSCH MUSS ESSEN, SO DIE BIOLOGIE.

DIE FABRIKEN MÜSSEN LAUFEN

DER MENSCH MUSS KAUFEN

DER MENSCH MUSS FRESSEN, SO DIE ÖKONOMIE!

Klaus:

Auch Auschwitz war nur ein Fabrikparkett

in der man Menschen der Maschine verbrannte

und sie wissenschaftlich häutete, wie ein Brikett

so dass man der Maschine den Himmel aufspannte.

Auf einem Teller lag der Mensch, in Auschwitz, dem Schlächterbankett!)

Nur dass die Schlächter endgültig waren

und mit Zyklon B den Menschenwaren

ganz das Leben nahmen – anstatt es zu bewahren,

und den Arbeiter weiter auszubeuten –

unterscheidet Fabrikbesitzer und Menschenhäuter.


Der Chor der Arbeitenden:

Täglich um unser Brot zu erarbeiten

tun wir die Fabrik beschreiten

der Kampf zu dem wir uns bekennen

ist der um den Lohn. Doch in unserm Rennen

können wir keine Ausbeutung erkennen.

Der Kampf den wir täglich bestreiten,

ist der Kampf gegen den Konkurenten.

Und wenn dann einer auf die Schnauze fällt

so hatte er bloss keinen Sinn fürs Geld,

oder wollte niemals wirklich arbeiten.


Klaus:

Die Dienstleistungsgesellschaft

ist ein Euphemismus

für den Katechismus

der nur Leiden schafft.

Denn seinen Dienst darzubieten

auf dem freien Markt

gleich einer Prostituierten

die sich für die Freier verausgabt,

heisst nicht Arbeit sondern mieten.

Drum ist in der Dienstleistungsgesellschaft

die Liebe zur Arbeit ohne Leidenschaft

und nur voll Zwang und Überwindung

und eine Vergewaltigung der Hirnwindung.

Klaus: Wo ist sie denn, eure Konkurenz?

Arbeitende: Im Ausland sitzen sie, die gierigen Schweine!

Klaus:

Als ob im Ausland nicht

die Arbeiter sich wie ihr verdingen

und sich trotz Krankheit und Gicht

nicht auch zur Arbeit zwingen.

Als ob im Ausland nicht auch

den Arbeitern, trotz des Gefühls im Bauch,

sie würden betrogen und beschissen,

gesagt wird, HIER sei alles Gier.

Und auch dort tun sie wie hier

zum Arbeiten die Fahne hissen.

Arbeiter (tritt aus den Reihen der Arbeitenden): Lüge!

Näherin(ebenso): Pfui! Ein Nestbeschmutzer!

Arbeiterin(genauso): Ein Volksverräter!

Arbeiter: Einer der nicht arbeiten will!

Näherin: So ein fauler Lümmel!

Arbeiterin: Ja wenn der Führer noch leben würde!

Arbeiter: Es lebe die Volkswirtschaft! Es lebe die Volksdemokratie!

Arbeitende: (hervorgetreten, bilden wieder eine Reihe; stimmen an zur Nationalhymne) Ma-ha-gony, Ma-ha-go-o-ny!

Bote: (tritt hinzu, sichtlich in Eile) Stop, aufhören! (Chor verstimmt)

Bote: Die Volksregierung meldet einen Exportanstieg von zwei Prozent gegenüber dem letzten Jahr. Die wirtschaftliche Krise ist überwunden, wir werden die Konkurenz Ende Jahr besiegt haben, wenn wir alle hart genug arbeiten.

Arbeitende: Hurra! Hurra! Zusammenhalt! Alle Mann sofort zur Arbeit! (sie gehen alle die Nationalhymne singend ab)

Klaus: (verzweifel) Auf dem Fliessband geboren wachsen wir auf dem Fliessband auf, bewegt werdend bewegen wir uns niemals und ein Leben lang bleibt Beton Beton, als lebte er unsterblich.

(Fliegeralarm, der Himmel färbt sich rot.)

Arbeiterschreie sind zu hören: die Konkurenz! Die Konkurenz kommt!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: