Beton, 4. Szene

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Yep, auf die folgende Szene freue ich mich jedesmal. Man muss sich den Betongott als eine wummernde, wuchtige Stimmgewalt vorstellen. So eine Art Big Brother, oder Cthulhu.

(Eine Strasse. Arbeiter, die an Klaus vorbei gehen. Klaus bleibt stehen.)

Klaus: Immer wieder schaut dieses Mensch, das ich habe, auf den Boden, sieht nur Beton und keine Erde. Dieses harten, ach so harten Beton, auf dem täglich alltägliche Hirne aus den Schädelkappen platzen, auf den Beton, den rauhen, ebenen Untergrund verspritzen sie und fliessen in dünnen Rinnsälen den Strassenrand herab, hierher zu mir, wo ich sitze oder liege, und erzählen mir die langweilige Geschichte die immer wieder gleich ertönt, von den Opfern des Betons. Immer wieder diese Geschichten die auf mein Hirn drauf drücken und es so ermüdend schwer in meinem Kopfe sich winden machen. Horst, wo bist du!?

Die Stimme: KLAUS! (alle umstehenden werfen sich zu Boden, Klaus bleibt stehen und schaut rauf)

Klaus: Du bist nicht Horst, verschwinde!

Die Stimme: ICH BIN GOTT!

Klaus: Hallo. (Spuckt zu Beton)

Die Stimme: KLAUS, DU BIST EIN ARSCHLOCH!

Klaus: Ich weiss, ich weiss.

Die Stimme: ALSO?

Klaus: Also was?

Die Stimme: GEH UND SUCH DIR EINE ARBEIT. VERDIENE DICH, KAUF DIR WAS.

Klaus: –

Die Stimme: KLAUS!

Klaus: hm?

Die Stimme: LEBE ENDLICH!

Klaus: Leben, leben – wieso redest du von Leben und verspottest es gleichzeitig. Lieber ein Arschloch sein und quer gestellt als ein Schreibtischmörder der im Fluss mit treibt.

Die Stimme: KLAUS!

Klaus: was ist?

Die Stimme: ICH BIN DEIN GOTT!

Klaus: Da könnt ja jeder kommen und sowas behaupten.

Die Stimme: ICH BIN DER GOTT. SIEH DIR DIE MENSCHEN AN: ICH WERDE VON IHNEN VEREHRT, SIE UNTERWERFEN SICH MIR.

Klaus: Und opfern dir ihre Hirne, und opfern dir die Hirne ihrer Angestellten, ihrer Kinder, und unterdrücken in deinem Namen Mensch und Tier und Natur.

Die Stimme: ICH BIN EIN NATÜRLICHES PRINZIP. ICH BIN NATÜRLICH. DIE MENSCHEN MÜSSEN SICH VERGEWALTIGEN, TÖTEN, QUÄLEN, OPFERN UND ZERSTÖREN.

Klaus: Du befiehlst es ihnen.

Die Stimme: SIE WOLLEN ES.

Klaus: Du hast ihnen alles genommen, bis nur noch Beton übrig blieb.

Die Stimme: DENN SEHET, ES KAM DER NEUE GOTT DER FREIHEIT DER AUS DEM VOLK GEBOREN WURDE, UND ER SCHLUG DIE FREMDEN GÖTTER DIE SICH ALLMACHT ANMASSTEN, UND IHRE VERTRETER – FÜRSTEN UND GRAFEN – ZU BREI BIS NUR NOCH ER, DER GOTT DES FREIHEITLICHEN PRINZIPS ALS ALLEINIGER HERRSCHER SEIN WORT ÜBER DEN GLOBUS VERTEILEN KONNTE, UND FORTAN LEBTEN DIE MENSCHEN IN EWIGWÄHRENDER GLÜCKSELIGKEIT, FREI VON FREMDEN ZWÄNGEN, UND DURFTEN WÄHLEN, WIE SIE IHR LEBEN UNTER DER HERRSCHAFT DES GOTTES DER FREIHEIT GESTALTEN WOLLTEN.

UND ER, DER GOTT DER FREIHEIT, SCHENKTE IHNEN DIE GABE DER VOLKSVERSAMMLUNG UND DER PARLAMENTSWAHL, DIE NACH SEINEM WILLEN GESTALTET WAR, DAMIT SIE SICH GEGENSEITIG KONTROLLIERTEN, UND ER SCHENKTE IHNEN DEN SCHLÜSSEL ZUM PARADIES, DIE MARKTWIRTSCHAFT, WO EIN JEDER FÜR SEINE MÜHEN BELOHNT, UND FÜR SEINE MUSSE BESTRAFT WURDE.

Umstehende Menge: Amen!

Klaus: Beton bist du, so unverrückbar, das man verrückt wird, probiert man dich zu verrücken.

Die Stimme: UND GUT BIN ICH – DER GOTT DER AUS DEM MENSCHEN GEBOREN WURDE – EIN PRINZIP, EIN ABSTRAKTUM, DAS UNSCHEINBAR UND DOCH ALLGEGENWÄRTIG IST, NICHT WIE DIE ALTEN GÖTTER, DIE SICH ANMASSTEN, DEN MENSCHEN ALS PRODUKT IHRER SELBST ZU SEHEN, UND IHN SOMIT ALS UNTERTAN VON GÖTZENBILDERN UND IKONEN IN DEN STAUB ZU TRETEN.

Klaus: Eine Maschine bist du, deine Altäre sind Fabriken und Betonbauten. Soll denn der Mensch nicht etwa auch wählen dürfen, ob er zu dir gehören will oder nicht?

Die Stimme: ICH BIN DER GOTT DER FREIHEIT. WER SICH MIR NICHT UNTERWIRFT, DER WILL IN CHAOS, BARBAREI UND UNFREIHEIT LEBEN.

Klaus: Klar, klar. (zu einem der umstehenden) Steh auf, lass uns einen trinken gehen.

Arbeiter: Stör mich nicht, ich arbeite.

Klaus: Und willst du das?

Arbeiter: Was soll die Frage, ich muss. Jeder muss. Auch du. Oder bist du ein Schmarotzer? Du bist einer, ich sehs dir an. (spuckt ihn an und wendet sich ab)

Klaus: So ist das. Sie erkennen den Betonblick ihresgleichen, die Maske die es erfordert um mit ihnen reden zu können. Entstanden aus einem Leben der Unterwerfung dem Beton gegenüber.

Die Stimme: – DER FREIHEIT!

Klaus: Oh wie lange willst du sie noch quälen, dass ihnen die Seele aus dem Leib entweicht, dass immer grauer und grauer und härter und gefühlsloser sie werden, dass immer mehr sie sich dir unterwerfen und zu dir schreien: schlag mich! Quäl mich! Lass mich Freiheit spüren! Wie lange noch?

Die Stimme: FÜR EWIG.

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