Archiv für die Kategorie ‘Trash’

Tan-Tram

Oktober 14, 2009

Er sass und fühlte die Sonne. Die Wärme ging durch die Kleidung und er schloss die Augen. In seinem Kopf sah er sich als ein Tier, das in der Sonne lag. Er vergass seinen Hunger: Sein Bauch war warm und lag nackt der Welt gegenüber. Ein Messerstreich eines zornigen Vorbeigehenden oder eines Jägers, der in ihm eine Trophäe erblicken mochte, wäre ausreichend gewesen, ihn glücklich alleine zu lassen. Mit geschlossenen Augen, einem warmen Gefühl und ausströmendem Blut wäre das alles ruhig zu Ende gegangen.

Das Tram hielt, er öffnete die Augen und einer der Sitze wurde frei. Er setzte sich. Geschundene Gesichter blickten an ihm vorbei, durch ihn hindurch. Er tat das selbe. In den Gesichtern meinte er die Zeichen der Fäuste zu sehen: Die Schläge von Ehrenmännern und freundlichen Nachbarn. Die eitlen Fäuste, so vermutete er, fürchteten wohl, auch ihn zu schlagen. Er trug eine Brille und die Fäuste fürchteten wohl das zersplitterte Glas, das sich dann in sie gebohrt hätte.

Worte einer Putzfrau

Juni 6, 2009

Immer die gleichen Schmerzen. Kein Arzt für sowas. Da können Sie nichts machen.

Die Rechnungen sind zum Zahlen da. Nicht zum Anschauen oder Abfotografieren.

Aphorismus 2.0

November 13, 2008

Von allen Verkehrsmitteln ist das Fahrrad das sinngemässe unserer Zeit: Nach unten trampeln, nach oben buckeln.

Unlust am Abend

November 1, 2008

Unlust am Abend. Draussen regnet es, und der Blick folgt den Regentropfen, die an der Fensterscheibe kleben, so aufdringlich kleben. Als wollten sie reinkriechen ins Warme, als lauerten sie auf den richtigen Moment, da niemand hinschaut; als wären sie Feinde wie alles, das sich da draussen grau, nass und kalt präsentiert. Aber selbst in der Wärme der Kneipe ist das Bier schal und die Luft stickig und abgestanden vom Rauch. Die Trinkenden zu später Stunde sind alte Männer mit tiefen, verfurchteten Gesichter, ohne Ausdruck, ohne Leidenschaft, ohne Trauer. Sie verziehen sich nur kurz, die Minen, wenn das Bier im Maul gespühlt wird, gedreht und gewendet mit der Zunge, geprüft auf seinen ekligen, säuerlichen, bitteren Geschmack. Überhaupt wirkt alles bitter: Die Gäste, der Raum, das Holz der Tische und Bänke und das fahle Licht. Bitter wie alles vor dem Fenster, es lässt Niemanden lost, dieses ewige erinnert werden an die Bitterkeit. Was kann man denn noch an Bildern mit sich tragen unter solchen Umständen? Verbitterung ist eine häufige Lösung, der innerlich geballte Zorn, den der Säufer an der Theke in einem Schrei loslässt. Ein Schrei, von einem gehetzten Tier, einer verletzten Bestie und doch eher an das Jaulen eines abgemagerten Köters erinnernd. Den Rest des Abends ist er dann stumm. Diesen Schrei hat ihm die Bedienung noch gegönnt. Man hat es ihm schon mehrmals gesagt und ihm gedroht. Aber nach seinem Schrei oder Jaulen oder Kläffen, seinem Aufheulen, das er ritualisiert einmal pro Abend sich gönnt, wird es ruhig um ihn und er versinkt mit den Augen in seinem bitteren Bier.

Beaver city

August 9, 2008

Gregor hat mich inspiriert, auch einmal ein Tiergedicht zu schreiben. Dass sich das Ding reimt, ist noch schwieriger als man denkt. (mehr…)

WG-Casting

August 1, 2008

Eine kurze Geschichte über die Eindrücke eines WG-Suchenden. Bitte nicht allzu Ernst nehmen. (mehr…)

Preiselbeersaftplünderung

Juli 7, 2008

„Auf zu Preiselbeersaft und Würstchen!“

Laut ertönte der Ruf des alten Kapitäns. Wir stachen in See, bereit den Sommersbrö zu nutzen und fette Beute zu machen. Wir waren ein wilder Haufen verwegener Piraten und Abenteuer, die sich zusammen gefunden hatten. Der Winter hatte unsere Knochen müde gemacht und wir mussten als erstes die Starrheit unserer Glieder lösen: Mit einem leichten Raubzug, so meinten wir, würde uns das wohl am besten gelingen.
Der alte Kapitän mit seinem Hinkebein warete am Pier auf uns. „Los, ihr Ratten, kommt endlich, auf, auf!“ Er grinste uns zu und war über die Reling gebeugt. Wir schmauchten noch ein wenig Tabak und besprachen den Wind, dann legten wir los. Vom Sommersbrö getragen waren wir bald auf der offenen See und wendeten unsere Segel um in die Gebiete der Sverigen zu fahren. Unser Ziel war die Ikea-Filliale im Dietikonfjord. Die Gischt peitschte uns ins Gesicht und es war befreiend, nach dem langen Winter wieder das Knarzen eines Schiffes zu hören, wieder die sich in den Wellen wiegenden Bretter unseres Schiffes unter den eigenen Füssen zu spüren und wieder den Wind im Gesicht zu fühlen, der Regen und Meerwasser peitschte.
Uns fiel auf, dass Kapitän Hinkebein mit einer sorgengefalteten Stirn gegen den Horizont blinzelte.
„Heh, Kapitän, weisst du die Richtung noch?“
„Ich glaube wir sind falsch abgebogen.“
„Ich habe doch gesagt, es ist der dritte Fjord und nicht der zweite.“
„Hol’s der Klabautermann! Da drüben ist ein Wegschild, mal schauen.“
„Da steht’s doch: Das ist der Smöggelfjör-Fjord. Wir sind falsch abgebogen.“
„Verflucht! Wendet die Segel!“
„Ay, ay, Käpt’n!“

Mit dem nächsten Fjord hatten wir unser Ziel erreicht. Die Händlerschiffe lagen vor Anker vor der Ikea-Filliale. Noch wähnten sich die Familien mit ihren schreienden Bälgern in Sicherheit. Noch fürchteten sich die feisten Händler nicht um ihren eigenen Wänste und speckigen Samtkleider. Aber das würde sich gleich ändern.

„Zu den Waffen. Wir gehen vor Anker!“
Ein sveriger Parkwächter gab uns ein Ticket für einen Parkplatz. Durchtrieben wie wir waren nahmen wir diesen Service in Anspruch. Einige unter uns wollten den Sverigen abstechen, aber der Kapitän schritt dazwischen mit den Worten „Nur wenn unser Schiff sicher ist, können wir auch alle zu den Preiselbeerplünderungen gehen.“ Mürrisch beruhigten sich die Heisssporne und steckten ihre Schwerter wieder zurück. „Wir werden uns zuerst einschleichen und dann in der Eichelkistenabteilung zuschlagen.“ Wir stimmten alle diesem Plan zu und lobten ihn als einen gerissenen Plan. Wir gingen zur Filiale und machten den Anschein von normalen Händlern. Einer meiner Mitpiraten kicherte mir hinter vorgehaltener Hand zu. „Die werden schön blöd schauen, wenn sie sehen, wen sie da reingelassen haben.“ Ich stimmte ihm zu, gab ihm aber zu verstehen, dass er sich nicht auffällig verhalten sollte.
Wir bestiegen die rollenden Treppen des grossen Blockhauses um in das oberste Stockwerk mit den Küchenregalen zu gelangen. Der Kicherer von zuvor beschwerte sich, er würde lieber beim Preiselbeersaftausschank mit der Plünderung beginnen. „Du kriegst deinen Preiselbeersaft schon noch,“ grummelte Kapitän Hinkebein, „aber ich brauche ein Gestell für mein Wohnzimmer und ich habe hier das Sagen.“
Im obersten Stockwerk angekommen waren wir aufgeregt und konnten uns kaum zurückhalten.
„Schaut mal, eine pastellfarbene Küchengarnitur!“
„Und sooo billig.“
„Arr, wir werden plündern.“
„Keine Gefangenen, keine Verletzten zurück lassen. Und nicht vergessen: Birke ist dieses Jahr nicht mehr angesagt, auch wenn sie Rabattkleber drauf hat, nehmt mir keine Birke!“ Der Kapitän wandte sich an uns alle und erklärte die Regeln des Raubzuges. „Wenn jemand noch aufs Klo muss, das nächste ist erst wieder auf der nächsten Etage. Ich will keine Fettflecken auf meiner Beute, wascht euch also zuerst noch die Hände. Wir treffen uns unten beim Preiselbeerausschank und präsentieren dann unsere Beute. Passt auf euch auf: In diesen sverigen Häusern verirrt man sich sehr schnell. Wenn ihr Hilfe benötigt, blast ins Horn.“

Mit einem lauten Aufschrei stürmten wir los, unsere Schwerter hielten wir in den Händen und begannen mit unseren Streifzug durch die Frühlingskollektion. Der Widerstand der Kundenberater war gross und wir kämpften unerbittlich bis entweder unser Sieg oder Tod eintrat. Es ist erstaunlich wieviel Kampfesbereitschaft ein mit einem Bleistift bewaffneter Aushilfsverkäufer aufbringen kann, gerade auch wenn man sich darauf besinnt, zu was für einen Stundenlohn diese angestellt sind.
„Haben Sie diesen Korpus auch in Mahagonibraun?“ fragte ich einen von ihnen und hielt ihm mein Schwert unter das Kinn.
„Ich kann mal im Lager nachschauen.“ entgegnete er mir kaltblütig, zückte seinen Bleistift, focht mit mir einige Sekunden und stahl sich ins Lager davon. Dieser Lump! Aber dafür zerstückelte ich in der Bettenabteilung eine pastellfarbene Bettenbezugskollektion. Inzwischen waren meine Mitplünderer in der zweiten Etage angelangt und stürzten sich in der Gartenabteilung auf die Platikblumen. Unter hämischem Gelächter landeten die Töpfe mit Kunstpflanzen in den Plünderwagen. „Nehmt noch eine der Palmen mit. Meine Frau beklagt sich immer, dass ich ihr nichts mitbringe.“ „Okay, Kapitän.“
Unsere Verwundeten waren schon viele der Zahl. Einige vermissten wir noch. Wir vermuteten, dass sie in der Regalabteilung von einigen Kundenberatern überrascht worden waren. Erik der Tapfere kam bleich angerannt und erzählte davon: „Sie haben uns umringt und auf die Rabattmöglichkeiten am Julfest hingewiesen. Wir wehrten uns wie Löwen aber sie waren stärker. Die Kundenberater drängten zwischen unsere Reihen und zerrten uns in alle Himmelsrichtungen. Mir gelang die Flucht indem ich mich durch die Teppichabteilung kämpfte. Aber Knut und Henrik habe ich nicht mehr gesehen. Ich hörte nur noch ihre schrillen Schreie als sie die neusten Mölnijr-Kommode zu sehen bekamen.“

Schliesslich schrien wir unseren Piratenruf und rannten hinter den beladenen Plünderwagen zu den Kassen. „Geld her oder das Leben.“ sagte die Kassiererin und warf uns einen giftigen Blick zu. „Das macht dann fünfhundert und dreiundzwanzig siebenundfünfzig.“ „Wir sahen uns plötzlich bei den Kassen in die Enge getrieben. Zwischen den Kassenbändern war es uns unmöglich, unsere Schwerter zu benutzen, der Platz war zu beschränkt. Die Sverigen verlangten uns einen Wegzoll. Der Kapitän schrie auf. „So habe ich mir das nicht vorgestellt. Aber gut, ich zahle.“

Lebend, aber äusserst erschöpft schafften wir es zum Preiselbeersaftausschank. Wir zahlten den Zoll und liessen uns Trinkbecher geben. „Ah, das tut gut,“ liess der Kapitän vernehmen, „so, ich werde mir noch einen Nachschlag holen, ohne dafür zu zahlen.“ Dann ging er davon und lachte hämisch. Wir verzehrten indes unsere Bullersbrote und planten flüsternd unseren nächsten Raubzug durch den Ikea-Fjord.

Aphorismus 1.0

Juni 20, 2008

Ja, so findet man zur Kurzform:

„Gute Kunst ist wie Sirup. Wo sie ausgebreitet wird, bleiben die Leute kleben und regen sich auf.“

Bitte so zitieren. Hach, herrlich.