Beton, 3. Szene

By albrechtfueller

Und weiter geht es mit diesem komischen Drama, dessen Protagonist so voller expressionistischem Weltschmerz ist… Über die schlechten Reihme darf auch gelacht werden.

(Klaus sitzt auf der Couch in der Bar, er reibt sich die Augen und sieht sich im menschenleeren Raum um. Er sieht das halbvolle Kognacglas und nimmt es in die Hand um daran zu riechen.)

Klaus: Komisch ist es, so zu erwachen, in einem Raum, der gestern erst noch voller Menschen war, und jetzt so leer und still. Ich träumte Böses, eine ungute Ahnung liess mich mich wälzen und unruhig schlafen. Vielleicht war dies nur einer jener schlechten Tage die ein Mensch manchmal hat. Am nächsten Morgen sieht alles gleich anders aus. (er trinkt den Kognac und zieht die Luft ein) Ah, das tut gut.

(Auftritt des Obers und der Putzequipe.)

Putzmann: Wir sind hier wegen des amtlich verordneten Umbaues.

Ober: Sie können schon einmal anfange mit den Umarbeiten, da hinten und da hinten. (zeigt mit den Händen, die Mannschaft fängt an)

Klaus: Guten Morgen.

Ober: Guten Morgen. Haben Sie gut geschlafen?

Klaus: Nicht so gut wie auch schon.

Ober: Sie haben mir gestern nicht wenig Angst eingejagt.

Klaus: Hab ich mich daneben benommen? Ich weiss es nicht, alles ist von schwammiger Erinnerung.

Ober: Ihr Gedicht war zutiefst beunruhigend.

Klaus: Wieso?

Ober: Es zeugt von einer schlimmen Krise, vielleicht sogar von einer geistigen Krankheit.

Klaus: Wollen sie mich als irr bezeichnen?

Ober: Nein, das nicht. Aber ich möchte ihnen meine Lebensmoral mitteilen, vielleicht können sie daraus erkennen was ich ihnen anrate.

Klaus: Ich werde mich nicht von Jemandem belehren lassen der mich als irr bezeichnet.

Ober: Hören sie zu. Was glauben Sie wie lange ich schon serviere?

Klaus: Sie werden es mir gleich sagen.

Ober: Fünfundzwanzig Jahre.

Klaus: Oha.

Ober: Und wissen sie was ich gelernt habe?

Klaus: Wie man bedient.

Ober: Wie man bedient, und doch nicht zum Diener wird.

Klaus: Wie meinen sie das?

Ober: Ich habe gelernt, bildlich gesprochen, über Jahre, eine Kunst, die als äusserst schwierig zu beherrschen ich bezeichnen würde: wie man sich nicht zu tief verbeugt vor dem Gast.

Klaus: Sie sind ein Diener der sich ein Rückgrat andichtet.

Ober: Entschuldigen Sie, doch das war eine Beleidigung.

Klaus: Reagieren Sie darauf. Hatten Sie in mir einen wortkargen Zuhörer erwartet. Ich bin nicht wie Ihre Gäste.

Ober: Das weiss ich. Sie sind ein Rückgrat das sich nicht beugen lässt, sie stossen mit ihrer stolzen, geraden Figur an jeden Deckenbalken und beschweren sich noch, anstatt sich wie alle anderen zu bücken.

Klaus: Man sollte es ruhig zeigen wenn man unzufrieden ist.

Ober: Dies verneine ich. Man muss seine Position finden, und aus ihr heraus reden, handeln, verändern.

Klaus: Und Sie haben die Position eines Dieners, und nun vertreten Sie die Philosophie eines angenehmen Dienens, einer Sklaverei, in der Herr und Knecht sich auf gleicher geistiger Ebene bewegen.

Ober: Ja, wenn man den Herrn in seinem Unglauben der Überposition lässt, sich selber aber treu bleibt, und nicht zu Untaten verleiten lässt, bleibt die Welt nicht nur gut, nein sie wird sogar noch besser.

Klaus: Und Sie wagen es mich als irr zu bezeichnen, mit ihrer Philosophie des angenehmen Dienens?

Ober: Wenn Sie es so wollen, Ja. Ich sprach zu Ihnen als private Person, und gab Ihnen diesen Rat, weil ich voraussehe, dass es noch böse mit Ihnen enden wird.

Klaus: Ich danke Ihnen für Ihr Bemühen, und sage Ihnen dass ich Sie privat zum Kotzen finde, als Ober jedoch einen duften Kerl.

Ober: Darf ich Ihnen noch etwas bringen?

Klaus: Gerne, einen Kaffee, bitte.

Ober: Kommt sofort. (ab)

(Gerhard tritt ein, gehetzt, und geht gleich zu Klaus)

Gerhard: Da bist du. Gut bist du schon wach.

Klaus: Wach ist so ein ideeller Begriff, man ist niemals wirklich wach wenn man so scheint.

Gerhard: Lass den Quatsch. Ich muss mit dir reden.

Klaus: Worüber?

Gerhard: Über Horst. Er ist tot.

Klaus: Was?

Gerhard: Tot.

Klaus: Wie geschah dies?

Gerhard: Ein Fliegerangriff der Konkurenz. Horst stand vor einem Haus in der Künstlergasse, das Pfeifen der Flugzeuge war zu hören, und dann war beides weg, das Haus und Horst.

Klaus: (zu sich) Ich Tor. Ahnte es und tat nichts um es zu vermeiden. Oh welch Schande trifft mich, meinen Freund verlor ich nur weil ich müde war!

Gerhard: Ich hab ihn gesehen, wie er da stand. Er schaute ganz erstaunt aus als er merkte dass er starb. Ich konnte mich noch in Deckung bringen, Horst jedoch ist zerfetzt worden. Man hat nichts mehr, aber auch gar nichts mehr von ihm gefunden, keinen Fetzen Haut, kein Stück eines Zahns, nichts.

Klaus: Gerhard, ich hörte den Fliegeralarm bereits, als hätt ich es gewusst. Doch warum Horst?

Gerhard: Ich weiss nicht. Aber ich bin froh dass es nicht mich getroffen hat; denn ich werde Horst jetzt rächen, seinen Tod aufrecht erhalten im Gedächtnis aller guten Menschen, die für unsere Sache, und gegen die Konkurenz kämpfen! Wir werden die Schweine bekämpfen bis zum letzten Blutstropfen. Ich habe schon ein Treffen der Betriebspartei angeordnet um eine flammende Rede über Horst zu halten.

Klaus: (plötzlich entsetzt) Du hinterhältiges Aas! Missbrauchst ihn für Politik, die abscheuliche Kunst! Bist noch froh dass Horst Tod ist!

Gerhard: Nein, Klaus. Auch auf meinem Herzen lastet Trauer.

Klaus: Doch stärker ist dein Hass.

Gerhard: Zurecht!

Klaus: Hassest du die Menschen, die da nur gehorchen und nicht wissen, was sie tun?

(der Ober tritt hinzu)

Ober: Ihr Kaffee, bitte. (Ober ab)

Gerhard: Sie wissen sehr wohl, was sie tun. Man kann keine Jagdflugzeuge steuern und Bomben abwerfen ohne zu wissen dass man tötet.

Klaus: Und dennoch rufst auch du zum Töten auf. Zum Töten im Namen Horsts, der ein Ausbund an Liebe und Wärme gewesen und keiner Fliege auch nur jemals das Geringste getan hätte!

Gerhard: Wir müssen uns verteidigen, damit Keiner mehr stirbt wie Horst!

Klaus: Sondern auf dem Schlachtfeld zwischen Panzern und Kompanien, in Stacheldrähten, Mienenfeldern und Schützenfeuern – du Gerhard, du bist ein Schwein! Wenn ich an Horsts Stelle gestorben wäre hättest du nicht anders gehandelt und ebenso zum Töten in meinem Namen aufgerufen obwohl du weißt dass es mir zuwider gewesen wäre. Nein, Gerhard, ich kannte Horsts Wesen und für ihn schreie ich so wie nur ein verachteter Toter schreien und anklagen kann. Aus der tiefsten Gruft schreie, schleudere ich dir Horsts letzte Worte zu: du Schwein! Du falscher Fufzger! Pack dich und verschandle meine Ehre nicht mehr länger!

Gerhard: (nach einem Moment der Stille) Arbeite doch einmal, Klaus, dann wirst du auch sehen was ich meine. Dann wirst du auch vorwärts kommen. Dann wirst auch du sehen dass es etwas gibt wofür es sich in den Kampf zu ziehen lohnt. Die Perspektive aus dem Strassengraben aus ist verzerrt und trügerisch. Arbeite einmal.

Klaus: Arbeit schmerzt mich. Sie unterwirft, sie wird eingeatmet wie Luft, und sie bleibt ein Leben lang drinnen. Sie schmerzt wen und wann sie will. Ich wurde nicht geschaffen für deinesgleichen Arbeit; wenn da eine göttliche Stimme ist, ein Schöpfer, dann wird er mich für höheres erkoren haben, als die Buchhaltung oder Juristerei, dessen bin ich mir sicher.

Gerhard: Die Arbeit muss dich schmerzen, du musst erschöpft am Abend spät nach Hause kommen, ansonsten hast du nicht gearbeitet; wenn du nicht dem Tode nahe bist, und vor Erschöpfung nur noch Ruhe suchst. Alle arbeiten auf diese Weise, nicht nur ich. Also kann es doch nichts falsches an sich haben.

Klaus: Wirklich nicht?

Gerhard: Höre auf meine Stimme, unterwerfe dich ihrer Vernunft, und ein Leben voller Glückseligkeit erwartet dich, ein Leben, wo alle gleich und ohne Unterschied sind. Vergiss nicht, ich meine es gut mit dir. (steht auf, geht ab)

Klaus: Eben dieses Leben fürchte ich. (wartet einen Moment, besinnend) Doch was nützt die Furcht. (weitere Pause) Ich halt es nicht mehr länger aus. (steht auf) Es muss etwas getan werden, ich werde der Stimme zuhören. (geht raus, vor der Schenke, zum Beton) Beton! Lange genug hab ich dich erduldet, jetzt fordere ich dich auf in Erscheinung zu treten. Mit all meinem Gefühl beschwöre ich dich hervor, du ekliges Ding! Du hast ein Leben mit dir genommen, nun steh gerade für deine Tat!

ÜBER DES BETONS SCHULD

Wen trifft der Beton, er, der unbeweglich hält,

wenn nicht die Füsse die er kennt

von Menschen die auf ihm gehen

und nie den Beton unter ihnen sehen?

Denn es halten die Zehen auf dem Boden

doch den Stein halten die Augen

und spiegeln ihn im Versteck

wenn sie schweifen in die Ferne weg.

Denn solang ein Fuss auf Beton stehen bleibt

gibt es eine Leiche ausgezehrt die klebt

hinter uns im Staub und der Sonne

und trägt uns in die kriegerische Wonne.

(pause)

Klaus: HORST!

(Klaus fällt ohnmächtig auf der Bühne zusammen)

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