Beton – 1. Szene

By albrechtfueller

Wie schon lange angedroht, folgt endlich das Theaterstück „Beton“ (oder der soziale Fall des Herrn K.).

Schon ziemlich alt, ich habe es 2002 geschrieben, vielfach ein wenig unausgereift aber in seinen Grundzügen doch wohl immer noch aktuell. Der Kampf eines Einzelnen gegen eine Welt, die aus Beton besteht und deren Bewohner den Beton auch im eigenen Denken nicht überwinden können. Und selbstverständlich auch das Scheitern dieses einzelnen.

Das Stück führten wir dann 2003 mit der Gruppe „Gipsmer&Verputzdi“ im Kulturhaus RATS im Zwinglihaus in ZH auf.

BETON – oder der soziale Fall des Herrn K.

Horst: Wir sind gleich dran mit unserem Auftritt, Klaus.

Klaus: (zerstreut) Auftritt, welcher Auftritt? Oh ja, ich erinnere mich.

Horst: Ist alles in Ordnung?

Klaus: (streckt sich über den Tisch und nimmt die Hand von Horst) Lass mich nicht allein, Horst, ich fühle Schwarzes in mir aufsteigen, Geiferndes, schleichend steigt es auf, und zehrt an mir. Ich fühle Mattheit und zähe Bissigkeit mein Herz verschliessen.

Horst: Ich bin da, Klaus. Nimm meine Hand. Kannst du dich noch an unsere Lieder erinnern?

Klaus: Ich weiss kein einziges mehr.

Horst: Du wirst dich wieder erinnern, sobald wir begonnen haben.

Klaus: Mir wird schlecht, und schwarz vor Augen. (reisst sich los) Wo sind wir hier, ist dies noch Mutter Erde? Die Gestalten sind gierig am warten, sie werden uns verzehren sobald wir dort oben stehen, mit ihren Blicken werden sie uns den Körper auseinander reissen und den ausgelaufenen Geist aufschlürfen.

Horst: Das ist nur das Publikum, Klaus, fürchte dich nicht vor ihnen.

Klaus: Hah! Furcht? Nein, Hass ist’s der meine Aufmerksamkeit auf sie lenkt. (richtung Publikum, demonstrativ laut) Wie geisterhaft sitzen sie und warten aufs Mahl. Kultur für den Magen ist was sich hier anbietet.

Horst: Klaus du fieberst.

Klaus: Ich beginne klar zu sehen. Der Kopf schmerzt mir von soviel Ekel über dies… (mit Blick in die Ferne) Hörst du auch die Fliegersirenen?

Horst: Es ist nicht Krieg, beruhige dich.

Klaus: So laut und deutlich höre ich sie, und höre dahinter das Pfeifen der Stukas.

Horst: Die Nacht ist so ruhig wie immer.

Klaus: So laut wie immer, es wird etwas geschehen.

Horst: Wir sind sicher hier in der Stadt des Betons.

Klaus: (dreht sich um) …des Betons….?

Horst: Er liegt wie eine enge, wärmende Haut auf uns, und schützt durch seine Stärke uns, die zwischen ihm leben.

Klaus: Und nur wenig Licht erhalten. So dick sind seine Mauern, sagst du?

Horst: Ja, ich versichere, es wird nichts geschehen.

Klaus: Nicht das Geringste, kein Aufschrei, keine Hände die zum Himmel recken?

Horst: Nein, nicht hier und heute, noch Morgen oder Übermorgen. Beton bleibt.

Klaus: Wie grauenvoll. Und wenn einer raus will?

Horst: Der verlässt das Leben.

Klaus: Und wenn er doch raus will?

Horst: Dann verleugnet er das Leben, die Kunst, und alle Integralität, alle Struktur, weil er die eigene Haut abzustreifen versucht.

Klaus: Wir müssen auf die Bühne und die Wahrheit erzählen. Mit einer wuchtigen Sprache die das Herz zerreisst. Einer Sprache aus der tausende von vergangenen Mündern schreien. Eine Sprache des Gewesenen, die Schatten, Schemen der Zukunft aus dem Beton haut!

Ober: (kommt und spricht sie an) Ihr seid jetzt dran.

Klaus: (zu Horst) Das ist das Stichwort. (zum Ober) Du wirst es nicht bereut haben uns hier aufgeführt lassen zu haben. (er drängt zur Bühne, zieht Horst mit)

(Die Vorklatscher klatschen beim Auftritt Klaus’ und Horsts. Klaus steht mit irrem Blick oben, Horst fängt an)

DAS LIED VON DER EINSAMKEIT

Horst:

Wir sind kleine einsame Inseln

aus fremdem Stein erbaut

einzeln tun wir schauen, tun wir winseln

weil uns unsere Einsamkeit umhaut.

Auf den Steinen sitzend

sind wir Stein verfluchend

so sehr wir auch alleine suchend

nichts als Steine grausam findend.

Niemals, niemals, tun wir fragen

was den an den Steinen liegt;

und uns so verzweifelt sagen

die Gedanken nie woran es liegt.

Auf fremden Inseln liegen

unsere Körper wie auf Dornen

auch die eigne ist von fremden Wiegen

und auf das Fremde tun wir zornen.

Wann, wann werden wir wohl sehen

dass der Dichter nicht kann fliegen

sondern nur auf seiner Insel stehen.

Auf seiner eigenen Insel muss er siegen.

Vorklatscher klatschen, Klaus schiebt Horst zur Seite und fängt an.

LIED VON DER OHNMACHT

Klaus:

Ohnmacht fühl ich, auch diese Nacht

auch diese Nacht wird wieder schlaflos verbracht.

So fühlend schreiend verzweifelt lieg ich

im Alkohol gelöst von alles Welt betrinke mich,

werde müde, schlafe und entflieh der Ohnmacht.

Was ist denn ein Mensch der sich nicht zu fühlen traut?

Der lustlos auf seinem Leben herumkaut?

Der sich fürchtet vor dem Sinnesrausch, dem Exzess,

als wärs ungeziemlich und eklig wie ein Abzess,

und niemals auch nur ein einziges Mal auf den Tisch drauf haut!

Was sind das für Menschen in unserer Stadt,

die immer nur arbeiten anstatt

sich einmal bloss faul in die Sonne zu legen

und alle Bedenken, Sorgen hinwegzufegen,

und einen Tag fehlen in der Stadt?

Was sind das für Menschen die dann noch

nach der Arbeit sich trauen ins Freudenmoloch.

Zwischen zwanzig Uhr dreissig und dreiundzwanzig Uhr

haben sie einen Termin mit der Konsumkultur.

Anstatt einem Herzen haben sie ein zu füllendes Loch.

Vorklatscher: (unter Applaus) Bravo, Bravissimo!

Klaus: Ihr seid diese Menschen, ihr, die ihr mich aufstossen macht!

Vorklatscher: Bravo, eine Zugabe!

Klaus: Hört ihr nicht die Fliegersirenen?!

Vorklatscher: Grandios! Umwerfend! Fulminant!

Klaus: Ihr Idioten – habt doch nichts, kein Wort, begriffen!

Vorklatscher: Famos! Bravo!

Ober: Jetzt ist genug, ihr könnt wieder runter kommen.

Horst: Komm Klaus, lass uns die Bühne frei machen.

Klaus: Haben wir nicht mehr als fünfzehen Minuten?

Horst: Nein. Keiner hat mehr Zeit. (nimmt ihn mit, Klaus ist wie betäubt. Sie gehen zurück zum Tisch, wo Gerhard und Berthold sitzen. Sie setzen sich ebenfalls)

Gerhard: Na das war wohl ein Erfolg, oder?

Klaus: Spottest du meiner?

Gerhard: Ich meinte den Applaus. Nicht den Inhalt.

Klaus: Selbst die Wahrheit ins Gesicht geschleudert sehen sie noch als etwas Belustigendes, etwas das einem gebracht wird um verdaut zu werden – wie ein Mahl das schnell runter gewürgt wird. Sie verstehen nichts weil alles für sie Spiel und Spass ist.

Berthold: Ihnen ist, so würd’ ich sagen, die Kunst ohne jeden Ernst. Und unbedeutend bleibt alles das sie nicht für ihren kleinen bürgerlichen Schmerz vereinnahmen können.

Gerhard: Nicht schon wieder. (er und Berthold tauschen unfreundliche Blicke)

Klaus: Grössere Zusammenhänge erkennen sie nicht, nur was sich auf ihre vier Wände bezieht hat für sie Gültigkeit. Verloren das was Grösser, Wahrhaftiger, Wahrer ist.

Horst: Sagte er gerade wahrer?

Berthold: Ja, wahrer.

Horst: Wahrer als was?

Klaus: Wahrer als die Banalität. Freier als der Zwang. Und lebendiger als gleichgültiger Beton, der sie sind.

Horst: Du zeigtest so sehr den zerstörten Menschen, Klaus.

Klaus: Ich fühle auch die drohende Zerstörung, wie ich dereinst am Beton zerstört sein werde.

Horst: Ich fürchte um dich.

Gerhard: Was soll die Trübsalblaserei über Kunstgewäsch, lasst uns unsere Zusammenkunft feiern, und euren, Horst und Klaus’ Erfolg. Denn haben sie euch auch nicht gehört, so haben sie es dennoch. Und vergessen werden sie es nicht.

Klaus: Schon morgen, Gerhard, schon morgen können sie sich dieses Ereignisses nur noch als Ton- und Klangabfolge erinnern, doch schal und ohne Inhalt. Wie aus einem Suff erwacht.

Berthold: Gerhard, auch wenn ich dich je länger je unsympathischer finde, muss ich doch sagen: recht hast du. Was nützt Verzweiflung. Ein Hoffnungsschimmer auf Besserung ist immer zu sehen.

Horst: Ja, ein neues Leben voller Lachen. Voller Freude. Eine neue Welt.

Klaus: Ihr macht mir Mut, ich will euch glauben. Herr Ober, vier Bier! Ich fühle Müdigkeit meine Glieder erfüllen, bevor ich einschlafe möchte ich auf euch anstossen. Dass freundschaftliche Bande alles Drohende abzuwehren weiss, darauf will ich mit euch anstossen, und dass Mut aus Gemeinschaftlichkeit und geteiltem Leid erwächst!

(Klaus sackt zusammen)

Gerhard: Er ist zusammengebrochen.

Horst: Er ist nur eingeschlafen.

(der Ober kommt daher)

Horst: Können wir ihn dort auf die Couch legen?

Ober: Ja, was hat er denn?

Horst: Er ist sehr müde. Stört es wenn wir ihn die Nacht über hier liegen lassen?

Ober: Nein, überhaupt nicht. Er hat meine Gäste vorzüglichst unterhalten. Das ist das mindeste was ich für ihn tun kann. Wünschen die Herren noch was zu trinken?

Berthold: Ein Glas Wasser.

Horst: Für mich auch, bitte.

Gerhard: Gerne, einen Kognac.

Ober: Kommt gleich. (ab)

Berthold: (zu Gerhard) Seit wann kann der Herr sich denn Kognac leisten?

Gerhard: Seit ich in Schicklgrubers Anwaltspraxis tätig bin.

Berthold: Da verdienst du ja das dreifache von uns allen zusammen.

Gerhard: Ora et Labora. Ich geniesse jetzt die Früchte meiner Arbeit.

Berthold: Die Stärke aus der dein Alkohol gemacht ist, musste von einem armen Bauern jenseits des grossen Ozeans für einen Hungerlohn vom Feld gepflückt werden, den Kognac hat irgendein armer Bengel auf einen Frachter transportieren müssen, in einer grossen Kiste, die ihm in den Rücken drückte. Den Arbeitenden gebührt dein Kognac.

Gerhard: Du bist wieder grausam am dramatisieren.

Berthold: Ich sage nur was fakt ist.

Gerhard: Es scheint schon sehr spät zu sein, dass du solchen Blödsinn verzapfst.

Berthold: (gereizt) Du fürchtest ja nur um deine Habe, du glaubst weil du was hast, dass du dich dafür auch abgekrüppelt hast. Doch du siehst nicht die Menschen die mehr ackern als du es jemals wirst, und dennoch weniger haben als du jemals gehabt hast.

Gerhard: Und deswegen soll ich leben wie ein armer Hund? Nein, mein Lieber, meine Müdigkeit schreit nach Kognac. Auch du wirst irgendwas tun wollen wenn du müde bist.

Berthold: Ich denke.

Gerhard: Wie pragmatisch. Und du, Horst, der du immer still bist?

Horst: Immer wenn ich müde bin, jedoch nicht schlafen will, dichte ich. Wenn ich fühle dass mich meine Kraft, mein Mut verlässt, greife ich zur Feder.

Gerhard: Endlich. Sehr schön.

Berthold: Du solltest dich nach dem Grund deiner Müdigkeit fragen und diesen auslöschen anstatt in Träume zu fliehen.

Horst: Ich bin Dichter, ich tue so. Ich entwerfe jene Welten die von denen geträumt werden die zum Umsturz aufrufen. Denn nur mit solchen Bildern kann der Umsturz ein ehrlicher sein: wenn man weiss, wie dereinst die Welt ausschauen soll. Ich träume nicht, ich lasse träumen.

Berthold: Lass die Träume wahr werden!

Gerhard: Komm komm, jetzt hör auf damit, Berthold.

Horst: Meine Träume sind so wahr wie ein Traum nur sein kann: in der Köpfen der Menschen schreien sie nach Veränderung des Bestehenden.

Berthold: Verändere das Bestehende!

(Gerhard will etwas sagen, Berthold schaut ihn jedoch scharf an)

Horst: Nur zur Tat aufzurufen, ohne zu wissen, welcher Traum in Erfüllung zu gehen hat, ist ein fatales Fanal: denn solche Umstürze enden gleich wie die Welt, die der Umsturz umzustürzen suchte. Fern vom Geträumten besitzen sie nur noch brutale Realität. Aus ziellosen Träumen werden Menschen geboren die nicht mehr wissen ob ihr Traum denn nun wirklich geworden ist, und ihre Freuden sind die blassen Erinnerungen an schale, Traum gebliebene Träume.

Gerhard: Hah! Jetzt hat ers dir aber gegeben!

Berthold: Ach halt die Klappe!

Gerhard: Du kannst mir das Maul nicht verbieten!

Berthold: Nein, aber ich gehe jetzt. (ab)

Horst: Du hast ihn verärgert.

Gerhard: Das hat er verdient. Mit seinen abstrusen Theorien regt er mich auf.

Horst: Er kann nicht anders, kannst du nicht etwas nachsichtiger sein?

Gerhard: Nein. Unsere Meinung über die Gesellschaft gehen zu weit auseinander.

Horst: Traurig, traurig.

Gerhard: Komm, lass uns gehen. Du kannst bei mir schlafen.

Horst: Ich weiss noch nicht. Und was ist mit Klaus?

Gerhard: Den lassen wir hier. Der stirbt ja nicht.

Horst: In Ordnung. Gehen wir.

(beide ab)

(Der Fliegeralarm ertönt, der Himmel färbt sich rot)

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